Donnerstag, 29. November 2007

Gerechtigkeit als Fairness

John Rawls (1921-2002)
Eine Theorie der Gerechtigkeit (1971)
Gerechtigkeit als Fairness. Ein Neuentwurf (2001)

Gerechtigkeit als Fairness: Die Regeln des demokratischen Rechts- und Sozialstaats können auf einen hypothetischen Vertrag über die faire Verteilung der Lasten und Nutzen der Kooperation zurückgeführt werden („Urzustand“).
Ohne Wissen über ihre spätere gesellschaftliche Position („Schleier des Nichtwissens“) würden die Teilnehmer der Vertragsverhandlung folgende Prinzipien wählen:

Rawls‘ Prinzipien der Gerechtigkeit
1. Es soll ein System möglichst vieler Grundrechte geschaffen und gesichert werden, in dem jedem gleiche Rechte zustehen.
2. Soziale Ungleichheit kann das gemeinsame Produkt erhöhen (Regel der Anreize zu besonderen Leistungen). Sie ist unter zwei Bedingungen gerechtfertigt:
a) Ämter und Positionen müssen jedem mit gleicher Qualifikation offen stehen. Chancen zur Qualifikation (Bildung) müssen möglichst gleich sein.
b) Wenn sie die Lage der Schlechtestgestellten optimiert (Differenzprinzip). Prioritätsregeln: 1. vor 2., 2.a) vor 2.b).
Diese Regeln werden in einem Vier-Stufengang (Vertrag, Verfassung, Gesetzgebung, Rechtsprechung) zu einem Verfassungsstaat mit sozialer Wirtschaftspolitik konkretisiert.

Differenzprinzip
Wenn Einkommensunterschiede keine Anreize zu besonderen Leistungen schaffen, dann gilt das Prinzip der strikten Gleichheit. Rawls geht es um die absolute Ausstattung mit Grundgütern der Schlechtestgestellten, nicht um deren relative Position

Kritik des Differenzprinzips
Strikte Egalitaristen: Relative Position ist wichtiger als absolute, weil materiell gleich gestellt zu sein Ausdruck der Gleichheit der Personen ist und materielle Ungleichheit zu Machtasymmetrien führt. (Aber Rawls verteidigt die Priorität der beiden anderen
Prinzipien)
Utilitaristen: maximiert nicht das Wohlbefinden (utility)
Libertarians: unakzeptable Verletzungen der Freiheit
Verteilung nach moralischem Verdienst: Menschen verdienen bessergestellt zu sein aufgrund ihrer harten Arbeit, auch wenn ihre Besserstellung nicht die Position der Schlechtestgestellten optimiert; es kommt darauf an, wie Menschen in besser oder
schlechter gestellte Positionen kommen
Ressourcen-Egalitaristen: Menschen sollen mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen leben; Menschen sollen für Unterschiede der natürlichen Ausstattung entschädigt werden
Ressourcen-Egalitaristen (Ronald Dworkin): Menschen, die freiwillig hart arbeiten, um mehr zu verdienen, sollten nicht die mit Subventionen bezuschussen müssen, die
freiwillig mehr Freizeit geniessen und deshalb weniger verdienen. Ebenso wenig wie soziale Umstände, die Menschen nicht kontrollieren, sollten Unterschiede in der natürlichen Ausstattung (z.B. Behinderung oder Krankheit), die Verdienstmöglichkeiten und Lebenserwartungen negativ beeinflussen.

Kritik an Ressourcen-Egalitaristen: Aus der Sicht der anderen Positionen ähnlich
wie am Differenzprinzip Fähigkeiten von Menschen lassen sich nicht klar in natürlich und entwickelt kategorisieren. Ein System der Unterstützung der körperlich und geistig Behinderten und der Kranken, wäre nur eine partielle Implementation der geforderten Kompensation: viele natürlichen Unterschiede blieben unberücksichtigt

Mögliche Frage:
Was ist das Verhältnis zwischen kommutativer (mit Blick auf den freiwilligen Austausch von Gütern und Leistungen) und distributiver Gerechtigkeit? Diskutieren Sie den folgenden Vorschlag: Massnahmen kommutativer Gerechtigkeit zielen darauf, distributiv gerechte Verhältnisse (wieder)herzustellen.

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